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Einleitung

 
Themen und Motive des Gesamtwerks
Archäologie

Wahnsinn und Gesellschaft (1961)

Foucault setzt sich in diesem Werk mit dem Selbstverständnis der Psychologie, im weiteren Sinne der Humanwissenschaften, auseinander. Er tut dies, indem er die Geschichte des Wahnsinn, so wie die moderne Psychologie sie darstellt, nachzeichnet und eine alternative Geschichte entwirft.

Für die Humanwissenschaften ist die Geschichte des Wahnsinns, die seiner fortschreitenden Erkenntnis und Humanisierung, so Foucault. In dem Maße wie die Einsicht in die Natur des Wahnsinns gewachsen war, wurde auch der Umgang mit den Kranken menschlicher.

Foucault widerspricht dieser kontinuierlichen Fortschrittsgeschichte vehement: Es gäbe nicht ein beständig wachsendes Wissen, sondern qualitativ verschiedene Arten des Wissens vom Wahnsinn. Rekonstruiert man die jeweils erkenntnisleitenden Fragen (und dies ist ja der Anspruch der Archäologie), so Foucault, wird man der Brüche in den Wissensstrukturen gewahr. Die Art und Weise, in der Wahnsinn erfahren und gedacht werden konnte, habe sich fundamental geändert im Übergang von der Renaissance zum klassischen Zeitalter (dem Zeitalter der Aufklärung). Diese Änderung hat für Foucault zugleich ihren Niederschlag im praktischen Umgang mit den Wahnsinnigen.

In der Renaissance setzte man die Wahnsinnigen auf die sogenannten Narrenschiffe und ließ sie 'treiben'. Auf diesen Schiffen aber waren nicht nur solche Gestalten, die wir heute als 'wahnsinnig' klassifizieren würden, sondern als Narren galten ebenso Trunksüchtige, Landstreicher, Prostituierte etc. Wahnsinn bzw. Narrheit galt zwar als Bedrohung, die Narren wurden ausgeschlossen, aber dieser Ausschluss ist ein 'freier Ausschluss', Wahnsinn ist zugleich eine eigenständige Erfahrungsform und Anzeige einer besonderen Wahrheit.

Vil narren doren kumen dryn
Der bildniß jch hab har gemacht
Wer yeman der die gschrifft veracht
Oder villicht die nit künd lesen
Der siecht jm molen wol syn wesen
Vnd fyndet dar jnn wer er ist.

(Sebastian Brant: Das Narrenschiff 1494)

Im 17 Jahrhundert wurden die Wahnsinnigen, und zwar nun in dem engeren Verständnis von Verwirrten, in die frei werdenden Leposorien eingewiesen. Diese Leposorien waren lange die Verwahrungsorte von Leprakranken und befanden sich innerhalb der Stadtmauern, im Zentrum der Städte.
Der Ausschluss ist nun also eine Einkerkerung, ein 'Ausschluss innerhalb dessen, von dem ausgeschlossen wird'.

Diese Veränderung, so Foucault, entspricht einer neuen Erfahrung des Wahnsinns. Wahnsinn wird im Zeitalter der Vernunft und der Aufwertung des rationalen Subjektes schlicht als Abwesenheit von Vernunft verstanden. Das Subjekt definiert sich als Subjekt durch seine Fähigkeit zum methodischen Zweifel, wer dies nicht zu tun in der Lage ist, gilt nicht mehr als Subjekt. Wahnsinn wird so von einer eigenständigen Sinnform zum bloßen Nicht-Sinn. Das rationale Subjekt konstituiert sich durch einen Akt gewaltsamer Abgrenzung gegenüber einem Bereich der Unvernunft. In diesem Verständnis kann Vernunft nicht autonom sein, weil sie nur ist, was sie ist, in Bezug auf das, was sie nicht ist.

Subjektkonstruktion und Geschichte werden hier also am Thema des Wahnsinns diskutiert. Auffällig dabei ist, dass Foucault häufig von einer 'Diskriminierung der Erfahrungsform Wahnsinn' spricht und somit impliziert, es gäbe eine ursprüngliche Erfahrungsform, eine Wahrheit des Wahnsinn, die nur auf jeweils unterschiedliche Weise zum Schweigen gebracht wird. Damit nimmt er gerade den Wahnsinn, als eine ursprüngliche Erfahrungsform, von Geschichte aus.

Foucault hat dies später selbst kritisiert und vor allem in "Die Ordnung der Dinge" (1966) konsequent versucht, der Geschichtlichkeit 'auf allen Ebenen' statt zu geben.

Die Ordnung der Dinge (1966)

Foucault versucht in diesem Buch die anonymen Regelstrukturen, die Erfahrung und Erkenntnis zu allererst ermöglichen, konsequent herauszuarbeiten und zu beschreiben. Sein Ausgangspunkt ist nun nicht mehr die 'ursprüngliche Erfahrung' (zum Beispiel die des Wahnsinns), sondern selbst die Idee einer ursprünglichen Erfahrung wird nun als Effekt von unpersönlichen Ordnungsstrukturen des Wissens denkbar, die aller Erfahrung vorausliegen. Damit 'verschreibt' er sich der Archäologie in ihrer 'reinsten' Form.

Sein Thema ist das Wissen, das zu verschiedenen Zeiten von Arbeit, Leben und Sprache bestand. Er zeigt auf, dass dieses Wissen in den jeweiligen Epochen nach den gleichen Regeln gewonnen wurde und sich jeweils von Epoche zu Epoche fundamental unterschied: Linnés große Klassifizierungen der Natur, die Universalgrammatik eines Port-Royal, die Tauschtheorie Bodins folgen den gleichen Regeln und unterscheiden sich qualitativ von Darwins Evolutionstheorie, Humboldts Sprachtheorie oder Adam Smiths Politischer Ökonomie, so Foucault.

Die anonymen Ordnungsstrukturen des Wissens nennt Foucault: Episteme. Sie bestimmen wie sich das Sagbare zum Sichtbaren bzw. die Worte zu den Dinge ( frz. Originaltitel des Buches: Les mots et les choses) jeweils verhalten.

Foucault klassifiziert drei Wissensepochen und charakterisiert sie wie folgt:

  • Zeitalter der Ähnlichkeit (Renaissance, etwa 16. und 17. Jahrhundert)

    • Zeichen und Dinge sind nicht kategorial voneinander getrennt (etwas sagen heißt etwas berühren)
    • 'Ähnlichkeit' leitet die Wahrnehmung: alle Dinge werden als einander ähnlich erfahren, alles verweist aufeinander; Zeichen dieser Ähnlichkeit sind selbst Dinge
    • Erkenntnisleitendes Ziel: Ähnlichkeiten auffinden, das Gesetz ihrer Verweisung und Verkettung beschreiben
    • Beispiel für ein auf diesem Prinzip basierendes Wissen: Die Walnuss galt in der Medizin als Heilmittel für die Krankheiten des Kopfes und zwar war der Kern gut für das Gehirn, die Rinde für die Kopfhaut und die Schale für den Schädel

 

  • Zeitalter der Repräsentation (Aufklärung, etwa 17. und 18 Jahrhundert)

    • Zeichen und Dinge trennen sich kategorial, Zeichen sind nicht mehr zugleich Merkmale der Dinge
    • Neue erkenntnisleitende Frage: Wie ist ein Zeichen mit dem verbunden, was es bezeichnet (Frage nach dem Prinzip ihrer Zuordnung)
    • Zeichen sind Stellvertreter : Repräsentieren die Dinge; Ähnlichkeit ist jetzt Gefahr des Irrtums und Aberglaube
    • Jetzt wird nach dem Sein der Dinge gefragt (vs. Sein der Zeichen) und dieses Sein der Dinge erscheint als ein großes Feld von Identitäten und Unterschieden, das durch die Zeichen vollkommen repräsentiert werden kann (vgl. Linnés Klassifizierungen der Natur)
    • Geschichte ist lediglich Geschichte der immer besseren Erfassung der Welt, die Welt selbst hat keine Geschichte

     

  • Zeitalter des begründeten Begründers (Moderne)

    • Neue erkenntnisleitende Frage: Wer repräsentiert?
    • Zeichen und Dinge sind nicht mehr in einer 'prästabilisierten Harmonie', d.h. von Natur her aufeinander abgestimmt
    • Der Mensch als Repräsentierender erscheint: muss rechtfertigen, warum es ihm möglich wird zu wissen
    • Er erscheint als der Sprache, der Arbeit, dem Leben ausgeliefert, in sie hineingeboren
    • Die Dinge bekommen jetzt ihre eigene Geschichte
    • Jedes Sprechen ist an den Ort des Sprechens (einer historischen und sozialen Situation) gebunden, die Sprache 'verdunkelt sich', ist nicht mehr transparent gegenüber der Welt
Foucault rekonstruiert diese Ordnungsstrukturen (die determinieren, wie überhaupt gesprochen und gedacht werden kann) aus den Diskursen. Die Episteme manifestiert sich also in der sprachlich-semiotisch Dimension. Diskurse sind die sprachliche Erscheinungsform der Episteme. Damit aber ist klar, dass für Foucault 'Diskurs' etwas anderes bedeutet als für den klassischen Linguisten. Sie sind kein Reden über die Welt, sondern eine Denk- und Sprechpraxis, die systematisch die Dinge erzeugen, von denen sie sprechen.
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